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Hinrich Lohse

Quelle: Ruck, Michael/ Pohl, Heinrich (Hrsg.): Regionen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2003.
Geboren 02. 09. 1896 in Mühlenbarbek
Gestorben 25. 02. 1964 in Mühlenbarbek

„Sämtliche Banken sind in jüdischen Händen. Wir wollen nicht alle aufhängen, aber vielleicht kann man sie in der Ödlandkultur verwenden. Die Juden müssen ihrer staatsbürgerlichen Rechte entkleidet werden. Das kann nur ein deutscher Volksstaat, der die Macht hat. Und diesen Weg geht der Nationalsozialismus.“ NSDAP-Gauleiter Hinrich Lohse (1896-1964) setzt mit diesem Zitat in den Itzehoer Nachrichten am 19. Mai 1928 auf lauten Antisemitismus. Und zwar hier im „Mustergau“ Schleswig-Holstein erfolgreich, jedenfalls bis 1932 erfolgreicher als anderswo im Reich.

Der als Sohn eines Kleinbauern in Mühlenbarbek geborene, seit 1921 als Bankangestellter in Altona und Hamburg tätige Hinrich Lohse zählte schon 1923 zu den wenigen Mitgliedern der schleswig-holsteinischen NSDAP. Zuvor war er nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg als „Generalsekretär“ in der gegen Moderne und Industrialisierung gewandten „Schleswig-Holsteinischen Landespartei“ tätig gewesen. Ab 1924 begriff er sich als „Politiker“, war 1924 bis 1929 Stadtverordneter in Altona, 1928 bis 1933 Mitglied des Preußischen Landtags. Lohse wurde 1925 bei der Reorganisation der NSDAP zum schleswig-holsteinischen Gauleiter ernannt und blieb bis 1945 ein treuer Gefolgsmann Hitlers. Im März 1933 wurde Lohse als Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein eingesetzt. In beiden Ämtern blieb er bis zum 8. Mai 1945.

Der relativ alte Hinrich Lohse war ein kämpferischer, vor Ort und öffentlich wirkender Vertreter der Massenpartei NSDAP, ein „Alter Kämpfer“: Mitschöpfer und Produkt der „Bewegung“, in seinem Gau fraglos auch der wichtigste Nationalsozialist. Reichsweit etablierte er sich in der zweiter Reihe, unterschied sich von jenen Raufbolden und Deklassierten, die auch in den Reihen der Gauleiter waren. Lohse ist – trotz einiger Ausfälle – als ein biederer Kleinbürger zu charakterisieren, der es vom Sohn eines kleinen holsteinischen Landwirts zum NSDAP-Spitzenfunktionär und in Teilen erfolgreichen preußischen Oberpräsidenten bringt.

Allerdings kann der Aufsteiger seine Unsicherheit gegenüber den Repräsentanten der alten Eliten nicht ablegen, obwohl er erfolgreich mit ihnen in Herrschaft und Verwaltung zu kooperieren und an sie zu delegieren versteht. Lohse lässt sich abbilden als ein Gaufürst, der im Rahmen seiner Möglichkeiten nach uneingeschränkter Macht strebt, sie auch nach Gutdünken und persönlichen Vorlieben einsetzt, der aber über ein Gespür dafür verfügt, dass Delegation an professionelle Bürokratien und die Akzeptanz von vergleichsweise autonomen Bereichen wie jenen der Landesuniversität zur Steigerung der eigenen Macht beitragen.

Lohse repräsentiert also den Typus des kleinbürgerlichen Aufsteigers, der den tradierten gesellschaftlichen und Herrschafts-Eliten seine im eigentlichen Sinne des Wortes erkämpfte – und eher vermeintliche – Zugehörigkeit immer wieder neu beweisen muss.

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