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Die Reichspogromnacht in Schleswig-Holstein © izrg

Kiel, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, gegen drei Uhr morgens: Drei oder vier Personen in Trainingsanzügen dringen in die Wohnung der ostjüdischen Familie Wincelberg ein. Die Männer bedrohen das aus dem Schlaf gerissene Ehepaar und ihren Sohn mit Pistolen, stellen sie an die Wand, schlagen auf sie ein, beschimpfen sie: "Juden-Schweine!", "Halts Maul - sonst schieß ich!" Sie verwüsten die Wohnung, zerstören die Möbel, das Geschirr, die gesamte Inneneinrichtung. Dann treibt der Rädelsführer Vater und Sohn zu Fuß zum Polizeipräsidium, beide sind spärlich bekleidet. Das Textil- und Bettengeschäft der Familie haben SA- und SS-Angehörige schon mit Hilfe von Äxten und Beilen vollständig demoliert.

Zwei Tage zuvor, am 7. November, hat der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan auf den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, geschossen: Mitte Oktober 1938 droht Polen, im Reich lebende polnische Juden auszubürgern. Verhandlungen scheitern. Am 26. Oktober lässt Heinrich Himmler etwa 17.000 polnische Juden - unter ihnen Grynszpans Familie - festnehmen und an die - allerdings geschlossene - polnische Grenze deportieren. Die Betroffenen irren im Niemandsland umher, bis sie einige Tage später auf eigene Kosten wieder in ihre Herkunftsorte reisen dürfen.

Eine Pressekampagne stilisiert den Protest des Einzeltäters zur "Verschwörung des Weltjudentums gegen das Deutsche Reich". Als vom Rath am 9. November stirbt, nutzt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Anlass, mit inszenierten Pogromen die endgültige Ausgrenzung der Juden in Deutschland einzuleiten. Die Gelegenheit ist günstig: Aufgrund des jährlichen Gedenkens an den "Hitlerputsch" 1923 sind die wichtigsten NSDAP- und SA-Führer in Feierlaune in München versammelt, unter ihnen aus Schleswig-Holstein auch "Gauleiter" Hinrich Lohse und der höchste SA-Führer und Polizeipräsident von Kiel, Joachim Meyer-Quade. Goebbels unterrichtet auf dem "Kameradschaftsabend" "den Führer" Adolf Hitler über den Tod. Darauf verlässt Hitler die Veranstaltung, und Goebbels hält gegen 22 Uhr eine Hetzrede über Vergeltung und "spontane" antijüdische Ausschreitungen. Die Anwesenden verstehen: Die NSDAP und SA sollen Pogrome entfachen, aber nach außen nicht als Organisatoren in Erscheinung treten.

Gegen 23.30 Uhr instruiert Meyer-Quade den Stabführer der "SA-Gruppe Nordmark" Volquardsen in Kiel per Telefon: "Ein Jude hat geschossen. Ein deutscher Diplomat ist tot. In Friedrichstadt, Kiel, Lübeck und anderswo stehen völlig überflüssige Versammlungshäuser. Auch Läden haben diese Leute noch. Beide sind überflüssig. Es darf nicht geplündert werden. Es dürfen keine Misshandlungen vorkommen. Ausländische Juden dürfen nicht angefasst werden. Bei Widerstand von der Waffe Gebrauch machen. Die Aktion muss in Zivil durchgeführt werden und um 5.00 Uhr beendet sein." - So der Wortlaut im "Bericht der SA-Gruppe Nordmark zu der Aktion in der Nacht vom 9./10. November 1938" aus dem Dezember 1938.

Der Historiker Klaus Bästlein hat die Abläufe in Schleswig-Holstein rekonstruiert: Volquardsen informiert seinerseits SA-Führer in Schleswig, Lübeck, Heide und Pinneberg, die für das weitere Vorgehen nun allein verantwortlich sind. Wenig später setzen sich meist in Zivil gekleidete SA-Formationen in Bewegung - teilweise begleitet von SS-Männern, Parteigenossen, Polizisten oder Gestapo-Beamten - um gewaltsam gegen die jüdische Bevölkerung und ihre Einrichtungen vorzugehen. In Lübeck demolieren "Zerstörungstrupps" nachts fast alle jüdischen Geschäfte der Innenstadt. Teilweise schließen sich Passanten an. Anschließend wendet man sich der Synagoge mit den angrenzenden jüdischen Wohnungen zu: Die Inneneinrichtung wird zerstört, alle Scheiben eingeschlagen. Der Schutz angrenzender Gebäude hält die Randalierer vom Entzünden ab. Ähnliches findet im Laufe der Nacht in Kiel, Bad Segeberg, Elmshorn, Rendsburg, Flensburg, Friedrichstadt, Kappeln und Satrup statt. In Elmshorn setzen SA-Männer unter Mittäterschaft von Feuerwehrleuten die Synagoge in Brand. Ein Anwohner, der um die Alarmierung der Feuerwehr bittet, bekommt zu hören: "Hol din Schnut, suns kriegst wat mit dem Gummiknüppel!"

In der Kieler SA-Zentrale bespricht sich Volquardsen mit Vertretern von NSDAP, SA, SS, SD, Gestapo und Kriminalpolizei. Gemeinsam beschließen die Männer die Ermordung von zwei der "politisch gefährlichsten Juden" in Kiel. Während Trupps zerstörerisch durch die Stadt ziehen, sind zwei Mordkommandos zu den Juden Lask und Leven unterwegs. 1946 berichtet Paul Leven, der wie Paul Lask überlebt und später nach Großbritannien emigrieren kann, was ihm die SA-, SS- und Gestapo-Angehörigen unter Beihilfe der Polizei antaten: "Um 3.30 Uhr morgens wurde ich durch Schläge an die Tür meiner Wohnung im Forstweg 77 geweckt... Nachdem ich angezogen war, schlugen sie mich mit ihren Pistolen auf den Kopf und warfen mich die Treppe hinunter. ... Ich weigerte mich zu rennen. Ich ging etwa drei Meter vor diesen Gangstern, als sie plötzlich gleichzeitig aus ihren Pistolen auf mich feuerten. Ich wurde von drei Schüssen getroffen und sie ließen mich auf dem Bürgersteig liegen, damit ich stürbe."

SA- und SS-Leute, Gestapo-Angehörige und Passanten zerstören Geschäfte und auch Privatwohnungen vieler jüdischer Familien in Schleswig-Holstein; sie bedrohen und demütigen sie, teilweise wird körperliche Gewalt angewendet. Viele jüdische Männer werden in "Schutzhaft" genommen, die Adressenlisten liefert die Polizei, sie sind vorher von der Verwaltung aufgestellt worden. Allein in Kiel werden 58 jüdische Männer ins Polizeigefängnis eingeliefert; weitere Verhaftungen erfolgen in den nächsten Wochen. Während die ausländischen und auch einige deutsche Juden nach Hause zurückkehren, werden etwa 50 Verhaftete ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Die meisten dieser Opfer kommen nach einigen Monaten frei, wenn sie zur - teuer zu bezahlenden - Ausreise bereit sind.

Traurige Bilanz des Novemberpogroms: reichsweit etwa 7.500 zerstörte Geschäfte, über 1.000 geschändete Synagogen und Bethäuser - fast alle Synagogen in Schleswig-Holstein sind ausgebrannt oder zerstört - circa 26.000 Verhaftungen, 91 ermordete Juden. Die Justiz sühnt die Verbrechen nicht. Auch nach 1945 werden nur wenige Täter zur Rechenschaft gezogen.

Die "arische" Bevölkerung macht bis auf seltene Ausnahmen nicht mit, die Pogrome sind kein "spontaner Ausdruck tiefer Empörung gegenüber der jüdischen Bevölkerung", wie es die NS-Propaganda darstellt. Aber deutsche Nachbarn greifen auch nicht schützend ein. Fast alle schauen zu oder weg. Aus der Perspektive der NS-Spitze hat die deutsche Bevölkerung "die Probe der Verrohung" (L. Clausen) bestanden: sie wird nicht laut protestieren, wenn das NS-Regime "die Judenfrage" gewaltsam "löst", solange die Aktionen staatlich "geordnet" und "korrekt" durchgeführt werden.

Siehe auch:

Die brennende Synagoge in Kiel in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938
Brief Mendel
Erinnerungen an den Morgen nach der Reichspogromnacht am 10. November 1938.
Reichspogromnacht

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