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Johanna Mesdorf © izrg

Johanna Mestorf schreibt Geschichte. Als sie 1899 vom deutschen Kaiser zur ersten Professorin in Preußen ernannt wird, kann sie auf eine einzigartige wissenschaftliche Karriere zurückblicken, wie sie keine andere deutsche Frau im 19. Jahrhundert gemacht hat. Die Direktorin des Kieler „Museum für vaterländische Altertümer“ wird zum Vorbild für viele Wissenschaftlerinnen. Doch ihr Weg an die Spitze ist mühsam und von den Umständen ihrer Zeit geprägt gewesen.

Johanna Mestorf wird am 17. April 1828 in Bramstedt geboren. Schon als Kind kommt sie in Kontakt mit der Ur- und Frühgeschichte Schleswig-Holsteins. Ihr Vater Jacob Mestorf, obwohl Arzt von Beruf, interessiert sich sehr für die Ur- und Frühgeschichte und baut eine eigene Sammlung von Fundstücken aus dieser Epoche auf. Die väterliche Sammlung weckt auch das Interesse der jungen Johanna und steht am Anfang ihrer Forschungen zur schleswig-holsteinischen Ur- und Frühgeschichte.

Im Gegensatz zu Männern, kann Johanna Mestorf ihr Interesse aber lange Zeit nicht zu ihrem Beruf machen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts können Frauen in Deutschland kein Abitur erwerben, sind nicht zu einem Studium an den Universitäten zugelassen und können deshalb auch keine akademischen Qualifikationen erlangen. Gebildete Töchter aus gutem, aber unvermögendem Elternhaus haben nur die Wahl zwischen einem Leben als fürsorgende Ehefrau oder, wenn unverheiratet, einer Zukunft als Hauslehrerin oder Gouvernante. Johanna Mestorfs Gesundheit ist schwächlich und hierin mag auch ein Grund liegen, dass sie bereits als Mädchen und junge Frau sehr großen Wert auf eine fundierte Bildung legt, um sich später eine eigene Existenz aufbauen zu können, falls sie keinen Mann finden sollte. Diese Bildung erhält sie seit 1837 an der „Blöckerschen Privatschule für Höhere Töchter“ in Itzehoe, wohin ihre verarmte Mutter nach dem Tod ihres Mannes zieht.

Zunächst sieht alles danach aus, als ob Johanna Mestorf den üblichen Lebensweg einer gebildeten, aber unverheirateten Frau im 19. Jahrhundert einschlägt. 1849 findet sie ihre erste Anstellung als Hauslehrerin und Gesellschafterin im Haushalt des Grafen Piper-Engsö in Schweden, wo sie bis 1853 bleibt. In dieser Zeit legt sie die Basis für ihre spätere Karriere als Ur- und Frühgeschichtlerin. Gezielt eignet sie sich durch Selbststudium ein umfangreiches Wissen an, lernt die skandinavischen Sprachen und tritt in Kontakt mit den führenden Archäologen Skandinaviens. Die skandinavische Archäologie ist zu dieser Zeit sehr fortschrittlich und Johanna Mestorf wird zeitlebens von ihrer fundierten Kenntnis der wegweisenden Methoden der skandinavischen Archäologen profitieren. Aus den Briefen in ihrem Nachlass wird deutlich, dass sie schon jetzt ihre weitere wissenschaftliche Laufbahn selbstbewusst und durchdacht plant.

Die Jahre 1853 bis 1859 verbringt Johanna Mestorf als Gesellschafterin und Begleiterin einer italienischen Gräfin überwiegend in Frankreich und Italien. 1859 kehrt sie endgültig nach Deutschland zurück und zieht zu ihrem Bruder Harro nach Hamburg. In den 1860er Jahren wird Johanna Mestorf zur der entscheidenden Mittlerin zwischen der nordischen und der deutschen Archäologie. Sie übersetzt mehrere wichtige skandinavische Werke zur Ur- und Frühgeschichte ins Deutsche, publiziert nebenbei erste eigene geschichtliche und volkskundliche Forschungen, hält Vorlesungen über germanische Mythologie und schreibt selbst mehrere bedeutende Werke zur Ur- und Frühgeschichte. 1868 schließt sie sich als freie Mitarbeiterin dem Kieler Museum an; aber noch kann sie von ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit nicht leben und arbeitet daher als Fremdsprachensekretärin. Ihr Ansehen als ernstzunehmende Wissenschaftlerin steigt aber stetig und spiegelt sich auch darin wieder, dass sie – für eine Frau damals mehr als ungewöhnlich – an den großen wissenschaftlichen Konferenzen der Archäologen und Anthropologen teilnimmt. 1869 ist sie auf dem 4. Kongress zur prähistorischen Anthropologie in Kopenhagen. Zwei Jahre später darf sie sogar Hamburg auf dem 5. Internationalen Kongress für prähistorische Anthropologie in Bologna vertreten. Trotzdem dulden ihre durchweg männlichen Kollegen sie lange Zeit nur als „exotische Randerscheinung“, wie es der Historiker Carl Zimmermann ausdrückt. Als Wissenschaftlerin sucht Johanna Mestorf deshalb gezielt die Öffentlichkeit und die internationale Bühne. Sie will ihren Kollegen zeigen, dass auch Frauen wissenschaftlich arbeiten können, und will ihre Karriere zuhause vorantreiben. Es ist daher nur konsequent, dass sie 1877 zu den Mitbegründern des Anthropologischen Vereins in Schleswig-Holstein gehört.

1873 zahlen sich Johanna Mestorfs Bemühungen um Aufmerksamkeit und Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Verdienste endlich aus. Sie wird Kustodin des Kieler „Museum für vaterländische Altertümer“. Als ihr Chef, Professor Handelmann, 1891 stirbt, übernimmt sie die Führung des Museums und wird die erste Museumsdirektorin in Deutschland. Gleichzeitig übernimmt sie auch die Leitung eines Instituts an der Christian-Albrechts-Universität, obwohl sie selbst nie studiert hat. Den Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Karriere erreicht sie 1899, als ihr der deutsche Kaiser als erster Frau in Preußen einen Professorentitel verleiht. Sie forscht unermüdlich weiter, übt aber keine Lehrtätigkeit an der Universität aus. In den nächsten Jahren folgen weitere wichtige wissenschaftliche Auszeichnungen. 1899 erhält sie den Frauenverdienstorden und 1904 die Verdienstmedaille für Kunst und Wissenschaft. Johanna Mestorf erwirbt sich auf zwei archäologischen Forschungsgebieten besondere Verdienste: Der Erforschung einer Kulturperiode der Jungsteinzeit, der sie den noch heute verwendeten Namen „Einzelgrabkultur“ gibt, und der Erforschung von Moorleichen, wofür ihr 1909 die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Universität Kiel verliehen wird.

Trotz ihrer unbestrittenen wissenschaftlichen Verdienste muss Johanna Mestorf auch im hohen Alter noch gegen die Vorurteile einiger männlicher Kollegen kämpfen. 1908 soll sie auch den Ehrendoktortitel der Philosophischen Fakultät der CAU erhalten. Diese Auszeichnung scheitert aber am Widerspruch eines Historikers, der sie als nichtstudierte Frau einer solchen Ehre für unwürdig hält.

Johanna Mestorf arbeitet bis ins hohe Alter und gibt die Leitung des Kieler Museums erst mit 81 Jahren ab. Sie stirbt kurz danach am 20. Juli 1909. Sie hat wie keine zweite Person die Archäologie in Schleswig-Holstein gefördert und zur Erforschung der Ur- und Frühgeschichte des Landes beigetragen. Die von ihr aufgebaute Sammlung bildet den Grundstock des Archäologischen Landesmuseums auf Schloss Gottorf.

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