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Sommerreise nach Russland © izrg

Anfang des 20. Jahrhunderts sucht der junge Grafiker und Bildhauer Ernst Barlach nach seinem eigenen Kunststil. Er wird ihn allerdings erst nach einer Reise nach Russland finden: Gemeinsam mit seinem Bruder Nikolaus unternimmt der 36-jährige Barlach im Sommer 1906 - nach einer schweren Identitäts- und Lebenskrise - eine Sommerreise nach Russland. Die Brüder fahren über Warschau nach Kiew, Charkow - wo sie einen dorthin ausgewanderten Bruder besuchen - Pokatilowka, Konstantinowka, Karamatorowke, Belgorod und Bachmut. Barlach fertigt während dieser zwei Monate eine Vielzahl von Skizzen an und schreibt ein Tagebuch, das 1912 unter dem Titel "Eine Steppenfahrt" mit 13 Bildern illustriert erscheint.

Die Erlebnisse und Wahrnehmungen der Reise bewirken bei Barlach einen bedeutenden künstlerischen Neubeginn. Das Bild der einfachen Menschen, denen er in Russland begegnet, überfällt ihn wie eine Vision. In seiner Autobiographie "Ein selbsterzähltes Leben" schreibt er später über den "Zustand unerhörter Aufgewühltheit": "Form - bloß Form? - Nein, die unerhörte Erkenntnis ging mir auf, die lautete: du darfst alles Deinige, das Äußerste, das Innerste, Gebärde der Frömmigkeit und Ungebärde der Wut, ohne Scheu wagen, denn für alles, heiße es höllisches Paradies oder paradiesische Hölle, gibt es einen Ausdruck, wie denn wohl in Russland eines oder beides verwirklicht ist."

Nach der Reise beginnt Barlach wie im Rausch zu arbeiten: Die ersten barlach-typischen Figuren entstehen. Der holsteinische Künstler stellt einen bestimmten Menschentypus dar, der sich fortan vielfach in Barlachs Plastiken wieder finden wird. Außerdem zeigt er in seinen Figuren das auf, was ihn persönlich bewegt: die Verlorenheit des Menschen zwischen Himmel und Erde, seine seelische Blöße, Leid, Wut, Reue, Verzweiflung, Einsamkeit und Tod, Hoffnung und Sehnsucht nach Erlösung. Mit diesen Themen rückt er den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Tatsache ist ein Grund dafür, dass die Nationalsozialisten seine Kunst später als "entartet" bezeichnen werden, denn vor allem Barlachs Plastiken stehen im schärfsten Gegensatz zur nationalsozialistischen Weltanschauung, in welcher nicht der Einzelne, sondern die Gruppe zählt.

Die Figuren "Blinder russischer Bettler" und "Russische Bettlerin mit Schale" erregen auf der 13. Ausstellung der Berliner Secession 1907 einiges Aufsehen. Durch sie wird der einflussreiche Kunsthändler Paul Cassirer auf Barlach aufmerksam und schließt mit ihm einen Vertrag ab. Ernst Barlach hat von diesem Zeitpunkt an finanziell ausgesorgt. Gegen ein monatliches Gehalt überlässt Barlach Cassirer alle zukünftigen Arbeiten zur alleinigen Vermarktung. Der Vertrag ermöglicht in rascher Folge die Entstehung des Werkes, das Barlach zunächst in Berlin, dann in Deutschland und schließlich in aller Welt bekannt und berühmt macht. Barlach sieht dadurch die künstlerischen Auswirkungen der Russlandreise positiv bestätigt. Im Dezember 1917 stellt Paul Cassirer erstmals Barlachs Gesamtwerk aus, wodurch Barlach auch als Dichter Bekanntheit erlangt. 1919 lässt sich der holsteinische Künstler in die Preußische Akademie der Künste aufnehmen, doch die Ehrendoktorwürde, die ihm die Rostocker Universität anbietet, lehnt er ab; mit der Begründung, er sei ein Handwerker somit eines akademischen Grades nicht würdig.

Siehe auch:

'Wagenzug in der Steppe'
'Russische Bettlerin mit Schale'

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