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Gesellschaftliche Perspektive © izrg

Seit der Frühen Neuzeit gehören Reisen, die nicht ausschließlich wirtschaftlichen Interessen dienen, zu den Privilegien des Adels. Auf der "grand tour" sollen junge Adlige (vor allem in Italien) ihre Bildung verfeinern, standesgemäße Umgangsformen erlernen und in die höfische Gesellschaft Europas eingeführt werden. Im 18. Jahrhundert gewinnt die Vergnügungs- und Erholungsreise an Beliebtheit – die ersten Kurorte, beispielsweise Spa, Bath, Marienbad und Karlsbad entstehen. Man ist unter sich, kann repräsentieren, der Heiratsmarkt blüht.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts fängt das selbstbewusster werdende Bürgertum an, auch in diese adlige Domäne einzubrechen, wofür nicht allein romantischer Bildungshunger und bürgerlicher Repräsentationsbedürfnis sorgt, sondern auch – ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts – die Entwicklung der Infrastruktur: Dampfschiffe und Eisenbahn verkürzen die Reisedauer und senken die Reisekosten.

Neben dem sich gleichzeitig entwickelndem Alpinismus ist es vor allem die Reise ans Meer, die der aristokratischen Oberschicht nicht nur aus gesundheitlichen Gründen immer attraktiver erscheint, sondern auch um dem in die traditionellen Kurorte nachrückenden Bürgertum zu entfliehen. Dass bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in den Badeorten immer wieder Geburtstagsfeste europäischer Fürstenhäuser zeremoniell begangen werden, symbolisiert am deutlichsten die soziale Herkunft der meisten Kurgäste: Sie entstammen dem Adel, aus Offizierskreisen, der Hochfinanz und dem sehr wohlhabenden Bürgertum. Westerland wirbt mit dem "alten Brauch" der Hohenzollern-Familie, deren Mitglieder als höchste Prominenz hierher reisen. Und noch in den 20er Jahren während der Weimarer Republik werben Hoteliers mit folgenden Formulierungen: "Ein vom besten Publikum besuchtes Hotel" oder "Vornehmster Verkehr". "Dienstboten" sind noch 1927 kurtaxenfrei. Den Badezeitungen und Kurlisten können die Gäste nicht nur die Namen, sondern auch Titel und Beruf der neu Eingetroffenen entnehmen. Aber eben das Vorbild der "internationalen Lebewelt" übt den unwiderstehlichen Reiz des Nachahmens auf die aufstrebenden bürgerlichen Schichten, die nachziehen und für einen zahlenmäßigen Boom der Seebäder sorgen.

Das Badeleben als Privileg ist zugleich Statussymbol, die Möglichkeit zur Selbstdarstellung und das Knüpfen gesellschaftlicher Beziehungen. Am und jenseits des Strandes lief dies nach festen Regeln ab: Zeitgenössische Benimmbücher widmen dem Aufenthalt am Badeort eigene Kapitel, Adressaten und Interessenten sind dabei die "Neuankömmlinge", Angehörige der wirtschaftlich starken, aber immer noch dünnen oberen Mittelschicht des bürgerlichen Deutschen Kaiserreichs. Sie sind die einzigen, die beide Voraussetzungen für einen angemessenen Badeurlaub mitbringen: Ausreichend zusammenhängende freie Zeit und genügend Geld für die standesgemäße Anreise und dem entsprechenden Aufenthalt.

Die meisten Angestellten kennen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keinen "Urlaub", auch Beamten werden erst in den 1870er Jahren einige wenige Tage zugestanden. Und da der Grossteil der Arbeiterschaft bis zum Ende des Kaiserreichs über keinerlei Erholungsurlaub verfügt, bleiben die Seebäder nahezu "arbeiterfrei": Noch in der Saison 1913 liegt ihr Anteil an den Badegästen Westerlands auf Sylt unter 1% - kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass nur jedem zehnten Arbeiter überhaupt ein kurzer Urlaub zustand. Im britischen "Mutterland" des Bädertourismus sieht das zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen anders aus. Während 1911 in allen deutschen Seebädern zusammen 800.000 Gäste weilen, zählt das britische Seebad Blackpool allein rund vier Millionen Besucher, zu einem großen Teil Arbeiter.

Dennoch ist der Wandel vom Sommerurlaub am Meer als Privileg Weniger hin zum Vergnügen auch für das breite Publikum kaum aufzuhalten und deutlich spürbar. Die Seebäder reagieren auf den Wandel und passen sich an, vor allem durch die Herausbildung bestimmter Profile. So gibt es an der Nordsee alles: Das mondäne Westerland, das gutsituierte Wyk auf Föhr: "Wyk ist kein Modebad mit großstädtischen Vergnügungen. Es ist ein Erholungsort für die gute Gesellschaft, ein Ort der Stärkung und Gesundung für alt und jung." Und schließlich die Sommerfrische Norddorf auf Amrum: "Es will das einfache Bad mit all seinen Reizen einer unverdorbenen Natur bleiben, gibt keine Gelegenheit, geschweige denn Verpflichtungen zum Aufwand."

Den ersten "Einbruch" des modernen Massentourismus erleben die Seebäder, vor allem der Nordsee, erst mit dem Auftauchen der "KdF"-Reisenden während der Zeit des Nationalsozialismus: In Westerland sind dies 1937 immerhin 1.600 zusätzliche Gäste. Erstmals, so die Idee, sollen auch Arbeiter einige Tage bezahlten und touristisch verbrachten Urlaub erhalten, als "Geschenk des Führers". Auch wenn auf den KdF-Kreuzfahrtschiffen kaum Arbeiter zu finden sind, bewirkt die Initiative tatsächlich den Einstieg in den – organisierten und ideologisch begleiteten – Massentourismus für viele Menschen. Selbstbewusst und arrogant verhandelt der Monopolanbieter die Konditionen für Anreise und Unterkunft, und oft lassen diese Gäste kaum eine weitere Mark in den Reiseorten. Während die kleineren Badeorte profitieren – Büsum zählte im Sommer 1934 allein 4.000 KdF-Gäste – schätzen vornehme Badeorte wie Westerland und seine traditionellen Gäste die neuen, unvornehmen Reisenden nicht. Es kommt zu Konflikten zwischen den verschiedenen Akteuren des Badebetriebs und KdF-Reisen führen bald in weniger beliebte Orte und Regionen.

Beide Entwicklungen, die Ausdifferenzierung verschiedener Profile bei den Seebädern und die Tendenz zum Massentourismus, setzten sich nach dem Zweiten Weltkrieg beziehungsweise der Währungsreform rasant fort.

Für die meisten Einwohner der jeweiligen Orte bedeutet die Einrichtung eines Seebades den Beginn eines einschneidenden und unumkehrbaren Wandels ihrer Lebensweise. Das gilt für die Seebäder an der Nordsee in noch stärkerem Maß als für die Ostseebadeorte. Dabei sind es nicht nur die Sommergäste, die das Leben in den zuvor oft abgelegenen Orten tiefgreifend verändern. Es sind zunehmend "Fremde", die finanziell besonders profitieren. Den "Alteingesessenen" fehlt es zumeist am Kapital, als das sie selbst Gaststätten und Hotels betreiben, jedoch auch an Mut und Geschäftssinn. In den fünfzig Jahren zwischen 1855 und 1905 steigt die Zahl der Einwohner Westerlands auf fast 2.500 und verfünffacht sich dadurch! Deshalb sehen viele Einheimische diesen rapiden Wandel nicht als Gewinn, sondern fühlen sich vielmehr in ihrer hergebrachten Lebensweise bedroht.

Längst hat der Tourismus in den Inselgesellschaften einen tief greifenden wirtschaftlichen und sozialen Wandel in Gang gesetzt: Aus kleinen, abseits des modernen Lebens befindlichen Fischerdörfern werden schnell stark auf den Fremdenverkehr spezialisierte Badeorte, die sich in der Sommersaison mit auswärtigen Gästen füllen. Hatte bereits der exklusive Bädertourismus vor dem Ersten Weltkrieg wesentliche Veränderungen für das soziale Gefüge in den Badeorten gehabt, erhöhte sich das Tempo des sozialen Wandels nach Beginn des Massentourismus noch einmal um ein Vielfaches. Festmachen lässt sich dies bereits anhand weniger markanter Zahlen. Die Grundstückspreise stiegen rasant, so etwa im eher beschaulichen Hauptort Nebel auf Amrum von 30 Pfennigen pro Quadratmeter im Jahr 1955 auf Schwindel erregende 200 Mark 1985! Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der Häuser im Ort nahezu; gleichzeitig gehörte nur noch jedes zweite Haus einem alteingesessenen Bürger. Viele, die heute in den Gaststätten und Hotels der Seebäder arbeiten, können es sich nicht leisten, dort auch zu wohnen.

Siehe auch:

Amrum
Christian VIII. in Wyk
"In der Lästerallee!"
Büsum 1934

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