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Sturmflut 1872 © izrg

"Am 12. November wehte ein heftiger Nordost, nachdem wir eine längere Zeit hindurch den entgegengesetzten Wind gehabt hatten. (...) Das Meer wütete fast bis zum Kamm des Strandes. (...) Gegen Nacht stieg das Wasser und brach bald am Schmöler Strande durch. Dadurch ward die Niederung vor dem Strandwalle überschwemmt." So beschreibt der Pastor Bartels aus Schönberg im heutigen Kreis Ostholstein im Jahre 1872 die vielleicht verheerendste Flut der Ostküste. Weiter schildert er den Überlebenskampf einer Fischerfamilie: "In dem einsam gelegenen Fischerhaus, Brasilien genannt, sehen die Bewohner F.E. mit Frau, Sohn und Tochter, letztere noch nicht erwachsen, sich von Gefahren umringt. Die Mauern stürzen ein, und kein Boot ist zur Hand." Das Wasser steht der Familie bis unter die Arme. Und dennoch schafft sie es, sich ein Floß aus Leitern, Türen und umher treibenden Balken zu bauen. "In rasender Eile schießt das Floß mit den vom Sturm gepeitschten Fluten dahin. Schnee und Regen machen die Situation noch grausiger... So treibt das Floß an dem Holm, der bereits die Bewohner des Fischerhauses Kalifornien aufgenommen hat, vorüber. Da erfasst ein mit seinen Spitzen über das Wasser ragender Knick das Fahrzeug; es neigt sich und Mutter und Tochter gleiten in die Fluten. Der Vater, der sie fassen will, stürzt nach, wird aber von dem Sohn erfasst und heraufgezogen. Das Floß schießt weiter. Abermals ein Knick und das Fahrzeug geht auseinander. Der Vater fasst einen Baum im Knick und ruft den Sohn, der aber wird von einem Balken des Floßes fast bewusstlos fortgerissen und fühlt endlich Boden unter den Füßen ... Erst um Mitternacht vom 13. auf den 14. November gelingt es, ihm vom Holm aus zu Hülfe zu kommen und ihn zu retten. Vater, Mutter und Schwester sind verloren."

Ähnlich dramatisch wie hier in Ostholstein ist die Situation im November 1872 fast an der gesamten Ostseeküste Süddänemarks und Schleswig-Holsteins. Am stärksten betroffen sind Südfyn, Lolland-Falster, Sønderjylland und die schleswig-holsteinischen Küstenbereiche bis nach Lübeck. Allein auf schleswig-holsteinischem Gebiet zählt man in dieser Nacht zwischen 270 und 300 Tote, über 15.000 hilfsbedürftige Menschen und fast 3.000 zerstörte oder stark beschädigte Häuser; 31.000 Hektar Land stehen unter Wasser. Tausende Tiere ertrinken, unzählige Schiffe sinken, stranden oder werden an Land geschleudert. Steilufer sind versetzt, Strände fortgespült und fast überall sind Deiche an der gesamten Ostseeküste beschädigt oder zerstört. Ein großes Problem ist die Verunreinigung der Trinkwasservorräte durch das Salzwasser.

In Flensburg steht das Wasser mit 3,27 m über dem Mittelwasser so hoch, dass Bewohner von tiefer gelegenen Häusern mit Booten gerettet werden müssen. Manchem Hausbewohner bleibt nur der Fluchtweg über das Dach ins Freie, schreibt die Zeitung "Daheim". Ähnlich stellt sich die Situation in Lübeck, Travemünde, Kiel und den anderen Küstenorten dar, überall hinterlässt die Flut Zerstörung. Von den Hafengebäuden in Ærøkoping auf Ærø bleibt nur der Leuchtturm stehen, alle anderen Bauwerke stürzen ein; ebenso zerstören die Fluten alle zehn Gebäude des kleinen Städtchen Vemmingbund.

Die Wasserstände steigen unglaublich schnell in dieser Nacht – in Køge steigt das Wasser innerhalb von nur einer halben Stunde um 1,30 m über den normalen Wasserstand – und sie erreichen Rekordhöhen. Auf Lolland liegt der Wasserstand zwischen 3,60 m und 4,20 m über dem normalen Höchststand, in Kiel und Eckernförde 3,40 m und in Schleswig sogar 3,49 m über Mittelwasser – Rekordwasserstände, die bis heute unerreicht sind!

Verantwortlich für die außergewöhnliche Wasserhöhe ist der tagelang anhaltende Südweststurm, der das Wasser im nordöstlichen Ostseebecken staut. In Verbindung mit dem schnell darauf folgendem Nordoststurm, der über mehrere Stunden Orkanstärke erreicht, läuft das Wasser in dieser Nacht zurück Richtung Ostseeküste Schleswig-Holsteins. Das Gefälle zwischen dem Kattegatt und südwestlicher Ostsee verstärkt den Effekt. Vom Kattegatt fließt zusätzlich Nordseewasser schnell Richtung Küstenstädte. Dieses Zusammenspiel führt zu den Verwüstungen in den Küstengebieten Schleswig-Holsteins und Süddänemarks. Die Sturmflut trifft viele Küstenbewohner unvorbereitet, da es 1872 noch keine langfristigen Wettervorhersagen gibt, wie wir sie heute kennen.

Durch die großen Zerstörungen an der Ostseeküste sind viele Menschen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Die dänischen Kommunen gründen Komitees, die die Schäden der einzelnen Betroffen bis ins Details erfassen. Der Bericht über die Schäden in Faaborg listet beispielsweise ebenso den Schaden des Taglöhners Niels Johannsen auf – 30 Reichstaler Schaden, jetzige Situation schlecht – wie auch die der Gräfin Schaffalitzky – Hecke beschädigt, 25 Reichstaler, jetzige Situation gut. Die Komitees sind auch dafür zuständig, Spenden für die Hilfsbedürftigen zu sammeln. Die Verwendung dieser Spenden entfacht jedoch Diskussionen: Einige Mittel gehen auch nach Schleswig-Holstein, um Notleidenden dort zu helfen, was manche dänische Politiker missbilligen.

Die Sturmflut des Jahres 1872 ist statistisch betrachtet ein Jahrhundertereignis. Bisher traten die Voraussetzungen, die zu einer solchen Katastrophe führen können, nicht wieder auf. Auch die Pegelstände wurden bisher nicht wieder erreicht. Aber: Die meteorologischen Voraussetzungen von damals sind auch heute nicht auszuschließen. Vor diesem Hintergrund ist die Sicherung der Ostküste ein bedeutender Bestandteil der Küstenschutzmaßnahmen in der Region.

Siehe auch:

Steilkste zwischen Laboe und Wendtorf
Drei Kategorien von Sturmfluten
Verwstungen
Faaborg 1872
Als 1872

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